Sehnsucht nach Papier
2015
SBV-Magazin

„Bücher sind Kunstwerke, die man in die Tasche stecken kann“, sagte kürzlich das 17jährige It-Girl Kiernan Shipka, die in der Serie „Mad Men“ die Tochter von Don Draper spielte , und sie meinte damit nicht etwa Artist Books, wie sie die Edition Patrick Frey vor allem verlegt, Bücher, bei denen es sich gleichsam um Kunstwerke in Form eines Buches handelt, sondern ganz normale Bücher zum Lesen: Krimis, Kochbücher, Romane, Philosophie, Lebensberatung, was auch immer, auf Papier gedruckte Bücher eben, im Gegensatz zu E-Books, heruntergeladenen Files, digitalen Dokumenten.
Seit es E-Books gibt –auch ich habe sicher schon über 1000 Seiten auf meinem iPhone gelesen – sind die auf Papier gedruckten Bücher eine Art Kunstwerk geworden. Und Leute , die sich noch gedruckte Bücher kaufen, sind, wenn sie nicht gerade auf der Suche nach einem praktischen Geschenk sind, zu Kunstsammlern geworden, ohne dass sie sich dessen bewusst sind. Früher hatten gebildete Leute, oder solche, die gebildet erscheinen wollten, eine Bibliothek oder wenigstens ein grosses Büchergestell. In Zukunft werden Leute mit vollen Büchergestellen Büchersammler sein, Sammler von dreidimensionalen, haptischen Objekten aus Papier, Leim und Druckerschwärze.
Seit man ein Buch in weniger als einer Minute auf sein mobiles Gerät herunterladen kann, sind gedruckte Bücher ein langsames Medium geworden, langsam und schwer, ein einziges Buch schwerer als das Gerät, auf dem man Tausende von Büchern speichern und lesen kann oder in Wirklichkeit vielleicht eher ‚anschauen’ kann, so wie ein Bild, wodurch sich dieses Gefühl, ein wirkliches Buch ‚in den Händen zu halten’, schlagartig und für immer verändert hat. Es handelt sich hier um eine sehr komplexes Gefühl: um ein unmittelbares Erfassen des Gewichts und des Umfangs, um die Sensation der Stofflichkeit, des Geruchs, um das Geräusch des Papiers beim Umblättern der Seiten, kurz, um dieses ‚optisch-haptisch-akustisch-olfaktorische Erlebnis des Bücherlesens, ein Erlebnis, das sich nun jeden Tag ein wenig mehr in eine Sensation der Melancholie verwandelt, für immer und
 
unumkehrbar’, wie ich es einmal in einem Text zu der Bibliothek des Künstlers und Büchersammlers Andreas Züst formulierte.
Damit man mich richtig versteht: Ich rede hier nicht als Nostalgiker, der dem gedruckten Buch hinterherweint und seinen Untergang heraufbeschwört, ganz im Gegenteil. Es geht nicht um eine Verschwinden, sondern um eine Verwandlung. Bücher sind das Urmedium der Information par exellence und haben schon diverse mediale Transformationen blendend überlebt. Ich versuche nur, diese spezifische Melancholie festzuhalten und zu beschreiben, die Menschen bezüglich gedruckten Büchern befällt, seit die Welt mit der Digitalisierung und dem Internet hyperschnell und hypertransparent geworden ist. Wir selbst sind ja – ganz ähnlich wie das Medium Buch! – sehr flexibel, extrem anpassungsfähig. Aber diese Flexibilität betrifft nur Teile unseres Wesens, man könnte sagen, den apollinischen, kristallinen Teil unseres Bewusstseins, nicht die Sinne ausserhalb des Audiovisuellen, nicht den Körper. Nicht die Seele. Wir sind extrem verführbar für Geschwindigkeit etwa, aber die Seele und der Körper sehnen sich merkwürdigerweise nach Wanderungen und Slow Food oder Kutschenfahrten. Unser neugieriges Fortschrittsbewusstsein liebt die glasklare hyperflüchtige Transparenz der Gegenwart, aber der riechende, schmeckende und tastende Körper liebt das Opake, das Undurchdringliche, das Bleibende, den Schmutz.
Gedruckte Bücher sind opak und extrem unflüchtig. Sie sperren sich gegen Transport und Transparenz, sie sind schwer zu hacken. Sie brennen zwar – es sind, historisch gesehen, sehr viel mehr Bücher bereits verbrannt als in heutigen Bibliotheken noch vorhanden – aber dennoch ist ihre Form der Speicherung extrem beständig, weil es zwar möglich ist, eine Bücherverbrennung durchzuführen, aber praktisch unmöglich, jedes einzelne Exemplar eines gedruckten Werkes physisch zu vernichten.
Bücher aus Papier, Leim und Druckerschwärze sind natürlich zum einen immer noch genau dasselbe wie ein E-Buch: höchst effiziente Träger von Inhalten, von Kultur, Poesie für das Empfinden, Arsenale für den scharfen Verstand, zugleich aber verwandeln sie sich langsam aber sicher in ein balsamisches
Medium für unser von der Geschwindigkeit und der Transparenz zugleich verführten und überforderten Bewusstseine, vergängliche, zerfallende Körper wie wir selbst, slow food für unsere Seele.

White Tiger Ballad
1997
Aus dem Werk des Dichters und Sekundarlehrers Hugo Vetterli

"Auf der Suche nach meinem Innern fange ich immer wieder von neu an -und doch geht nichts ohne Einfluss von aussen." (R. Knie)

I
Das Bild der Schweiz düster und grau Arbeit anstelle von Sex Kontoerotik
Einziges Signal für Leidenschaft das Rot der Verkehrslichter
Nicht wie bei dir, Knie
du mit deinen Farben des Dschungels
der Palette von Tundra und Steppe
dem leidenschaftlichen Hellgrau
deiner indischen Elefanten
dem Fleisch deiner leichtbekleideten osteuropäischen Akrobatinnen
dem Samtblond deiner edlen Araberhengste
Farben schnell und heiss wie der Wind aus der Wüste Farben wie Musik
du pastoser Pinsel-Paganini
du wilder Leinwand-Geiger
WHITE TIGER (Musik: 3xDidgeridooRohr)

II
Die Schweiz der Schlaf
das schlechte Gewissen gebiert
Ungeheures Jodeln
keine Liebe kein Meer kein Ozean
nur Tümpel und Seen
die Ufer verbaut, gesäumt von den Geleisen der S-Bahn
Nicht wie bei dir, Knie
du kamst
direkt aus der zirzensischen Wildnis
der Geruch der Manege
noch an deinem gewaltigen
Pinsel mit dem du auch jonglieren kannst, der Duft der Araberhengste
das Parfüm osteuropäischer Akrobatinnen das Aroma indischer Elefanten
der Zirkus deine Akademie
in der Kunst bist du ein
Quereinsteiger
WHITE TIGER (Musik: 3xDidgeridoo-Rohr)

III
Die Schweiz
Spassterror und Vergreisung
Hornusssende Bundesräte gefangen in einer Unterhaltungsdemokratie
ohne Lacher
Vergletschernde Referenden
in Existenzängsten vereisender Mittelstand
Nicht wie bei dir, Knie
du konntest nach Mallorca fliehen auf die jungfräuliche Insel
mit deinem Pinsel
und den Akrobatinnen
auf den Elefanten
unter den Araberhengsten
lieber fliehn als knien
vor dem Komplott feiger
Kritik
der Verschwörung der Schweiger denn keiner schrieb über dich auch nicht der Tagesanzeiger
WHITE TIGER!!!! ( Musik: 3x Didgeridoo-Rohr)

IV
Die Schweiz ein Kopfweh-Land
im Föhnschatten der Welt
Wahnsinnige Kühe
Wohlstandsverelendete Einzelkinder Emmentalerhafte Geborgenheit im Schosse einer antibiotikaverseuchten Yogurthkultur
Militärmesser-Romantik ohne Kriegsbelohnung Ornament des enzianbekränzten Stillstands Heidnischer Heidikult
unter der Oberfläche
einer zwinglianischen Parkwächter-Romantik.
Nicht wie bei dir, Knie
La Boheme ist dein Revier
dort lockst du dein Wild
in die Fallen der Kunst
deine nackten osteuropäischen Akrobatinnen stehen Kopf
auf den erregten Araberhengsten umschlungen von den Rüsseln
unbekleideter indischer Elefanten Mallorcaboheme
Rausch und Ekstase
nie
interessierst du dich für
alleinerziehende Mütter
gestrandete Wale
oder
erschöpfte Bergsteiger
WHITE TIGER ( Musik: 3x Didgeridoo-Rohr)

Hausarztroman Nr.1: Das Geheimnis des Tramführers
2010
Verlag Hausärzte Zürich

Das Ekzem war ihr Schicksal
Wenn ein Ausschlag die Liebe zerstört.
Von Patrick C. Frey

Ein Dr. Bolliger-Roman nach einer wahren Begebenheit

Dr. Bolliger bekommt es mit einem dramatischen Fall von Ausschlag zu tun. Eine Patientin von ihm, die 42-jährige Volksmusiksängerin Vreni Vollenweider plagt seit ihrer Kindheit ein anfallartig auftretendes Ekzem. Zur Erholung fährt sie nach Scuols/Tarasp und trifft dort die Liebe ihres Lebens, den Welpentrainer Erwin Salzgeber, der sich ganz der gewaltfreien Hundeerziehung verschrieben hat. Im Taumel der Leidenschaft wird aber das Ekzem nicht etwa besser sondern schlimmer. Als Dr. Bolliger die Ursache für die Ausschläge bei einer Allergie auf Hundehaare vermutet, gerät das Leben von Vreni Vollenweider vollends aus den Fugen. Was kann Hausarzt Dr. Bolliger tun, um in dieser scheinbar aussichtslosen Situation zu helfen? Stimmt seine Vermutung, dass die Allergie auf Hundehaare zurückzuführen ist? Oder hat der geniale Diagnostiker vom Goldbrunnenplatz sich für einmal geirrt und  nden Vreni und Erwin doch noch einen Weg zum Glück? Antwort auf diese Fragen gibt Ihnen, liebe Patientinnen und Patienten, der nächste Dr. Bolliger-Roman, den Ihre Hausarztpraxis und Ihr Zeitschriftenhändler in den kommenden Wochen gerne für Sie bereithält.

Hausarztroman Nr.2: Das Ekzem war ihr Schicksal
2012
Verlag Hausärzte Zürich

Das Ekzem war ihr Schicksal
Wenn ein Ausschlag die Liebe tötet
Von Patrick Frey

Als die 42-jährige Volksmusiksängerin Vreni Vollenweider wegen eines anfallartigen Ekzems in der Hausarztpraxis auftaucht und Dr. Bolliger eine Hundehaarallergie vermutet, kann der geniale Diagnostiker vom Goldbrunnen- platz nicht ahnen, in was für einen Strudel von Verzwei ung und geheimer Leidenschaft er bald gezogen wird.
Dabei hat Hausarzt Dr. Bolliger auch sonst alle Hände voll zu tun – trotz der Unterstützung durch Dr. Luzia Gradwohl, einer attraktiven, auf Psychosomatik spezialisierten Allgemeinmedizinerin, die seit kurzem mit ihm die Praxis teilt. Der ehemalige Irak-Flüchtling Hamed Husseini-Gaberthuler wird – immer nach dem Duschen – von einem mysteriösen Ameisenlaufen und Pascal Schätti, ein grüner Kantonsrat, von ökologischen Selbstzweifeln und einem Reizhusten heim- gesucht. Und Florinda Fröhlich, eine ehrgeizige Investmentbankerin, leidet unter unerklärlichen Schwankungen ihres intestinalen Gasvolumens.
Aber auch im Privatleben des Hausarztes gibt es Herausforderungen zu meis- tern. Sohn Felix hat Probleme mit dem Mundgeruch seiner Französischlehrerin und Vater Bolliger ist aufs hohe Alter noch sexsüchtig geworden. Vor allem aber steht die Hochzeitsparty von Dr. Bolligers Exfrau Ellen und dem Schönheits- chirurgen Dr. Jens Breitschneider bevor – ein Fest mit dramatischen Neben- wirkungen, das nur dank grossem Glück nicht in einer Tragödie endet.

Monatsgespräch mit Patrick Frey
2009
Das Magazin

Man kann sich kaum mehr mit jemandem unterhalten, ohne dass ständig kleine Witzchen gemacht werden. Finden Sie diesen Zwang zum Humor nicht anstrengend?
Zwang und Humor ist natürlich eine alptraumhafte Paarung. Aber bei dieser Frage höre ich ein bisschen das alte calvinistische Klagelied über die nicht totzukriegende Spassgesellschaft nachklingen... Es geht doch einzig darum, ob man die Witzchen lustig findet oder nicht. Und vor allem, ob man selbst in der Stimmung ist dafür. Ich habe schon ganze Abende lang einem zwangsneurotischen Witzeerzähler zugehört, mich krankgelacht und dann sofort alles wieder vergessen. Das kann sehr entspannend sein.
Das Gegenteil von Spassgesellschaft muss nicht unbedingt eine calvinistische Ethik sein. Ich denke eher an mehr Mut zum Pathos, zum romantischen Gefühl anstelle der dominierenden Dauerironie.

Ich lasse mich gerne überwältigen, solange ich im Kino sitze. Sonst ist mir Pathos eher unangenehm. Mit Pathos und ähnlichen rhetorischen Formeln des Erhabenen kann man Fussballstadien zur Raserei bringen, Macht übernehmen und Kriege lostreten. Mit Ironie kann man niemanden überwältigen oder vernichten, höchstens etwas verletzen und auch das nur im übertragenen Sinn. Ironie ist eine leicht bittere Medizin gegen falsche Gefühle. Und natürlich nervt Ironie, wenn die Werbung sie instrumentalisiert. Aber Werbung nervt sowieso.

Seltsamerweise stehen Männer unter einem höheren Witzzwang. Ohne ein paar lustige Sprüche kann man kaum mehr eine Frau verführen, nicht einmal mit einer Kreditkarte. Sind Frauen in Ihren Augen ernsthaftere Wesen?
Also von wegen ein paar lustige Sprüche: Daniel Craig macht glaub ich nur so eine Kopfbewegung. Und Frauen, die man mit einer Kreditkarte verführen kann, muss man meistens bar bezahlen. Soviel zu dem Thema. Ob Frauen die ernsthafteren

Wesen sind, weiss ich nicht. Was ich beruflich weiss, ist, dass Frauen sehr gerne über Männer lachen. Im Übrigen ist die Lust (oder der Zwang) sich über die Welt lustig zu machen, unter den Geschlechtern schön gleichmässig verteilt: auf zehn trübe Tassen kommt etwa eine Gigelisuppe.
Alle Clowns sind ja im Grunde grosse Moralisten. Bei welchen Themen argumentieren Sie mit der Moralkeule?
Bei gar keinen. Die Moralkeule ist ein Totschläger und für den Humor nicht zu gebrauchen. Humor ist nur einer der möglichen Wege, mit dem Schmerz und der Empörung über die Unvollkommenheit der Welt fertig zu werden. Eigentlich ein ziemlich sanfter und unterhaltsamer Weg. Glücklich ist, wem er offensteht. Alle anderen müssen Melancholiker oder Morphinisten werden. Oder Terroristen.

Aus dem geheimen Tagebuch von Kurt Schwarz
1999
Lüthi & Blanc

Aus dem geheimen Tagebuch von Kurt Schwarz, Besitzer der Calvados-Bar in der Schweizer Soap „Lüthi & Blanc.

Sonntag, 12. Dez. 2004
Am Morgen liegt leichter Nebel über dem Limmattal. Der Südwind quält meinen Kopf und trägt das Heulen der Lastwagenreifen auf der N1 kilometerweit.
Habe schon wieder vergessen, Satan auszuführen. Aber irgendwie ist mir das egal. Er geht für sein Geschäft sowieso schon seit längerem in das ehemalige Zimmer von Doris, das ich seit Einführung des Zürisacks vor ein paar Jahren als vorübergehenden Lagerraum benütze . Zwei Zimmer reichen für mich und Satan. Um 11 Uhr wie immer zum Chrischona Gottesdienst in meiner Pfingstgemeinde Spreitenbach gefahren. Heute ist begleitete Ekstase. Es singt Vikar Heuberger. Bereits nach dem zweiten Psalm hatte ich meine Ekstase und bin mit dem Schrei “Lieber Gott hilf mir, nicht immer nur an das EINE zu denken!!“ vor der versammelten Gemeinde auf dem blauen Spannteppich zusammengebrochen. Beim Aufwachen wurde ich von einer gewissen Frau Hurni betreut, die heute Notfalldienst hatte.
Ich glaube Frau Hurni will etwas von mir. Sie lächelt immer, hat aber diesen Blick.

Dienstag, 14. Dez. 2004
Sehr schlecht geschlafen. Von Frau Hurni geträumt. Ich weiss nur noch, dass sie mir lächelnd eine riesige Spritze gab, dann wuchsen ihr plötzlich Haare überall und Raubtierzähne aus ihrem Mund. Dann schreiend aufgewacht, aber es war natürlich nur Satan.
Am Abend im Body & Soul auf dem Wasserbett Fischknusperli gegessen. Tatjana wirkte etwas gelangweilt und wollte die Sache rasch hinter sich bringen. Sonst nichts los. Ausser mir waren noch Urs und Dragan da, sowie Mona, die mit Ulrich beschäftigt war, einem katholischen Pfarrer, der den Reissverschluss hinten hat. Also nur privat, sagt er. Wer’s glaubt, wird selig.

Mittwoch, 15. Dez. 2004
Heute war endlich mein Termin bei Gianni. Das Intim-Piercing ist super geworden. Es sind insgesamt drei Ringe, einer davon mit einem kleinen Brillanten und ein zweiter mit einem silbrigen Glöcklein, für untendran. Gianni meint, es sei ein wenig wie beim Tram: an das leise Klingeln beim Verkehr würde ich mich schnell gewöhnen.

Donnerstag, 16. Dez. 2004
Die Hölle, das ist zuhause.
Weil die Türe zum Zimmer von Doris praktisch nicht mehr aufgeht, darf Satan jetzt die Küche benutzen. Ich koche ja doch nie mehr, seit Doris mit Miguel nach Fuerteventura ist. Das war, nachdem Doris einmal gesagt hat: Wir hatten jetzt schon 8 Monate keinen Sex mehr. Und ich geantwortet habe: Ja, DU!!
Der Lärm von der N1 ist heute unerträglich. Von Baden her kommen sie wie die Vergifteten. Wahrscheinlich ist heute Allerseelen oder so.

Freitag, 17.Dez. 2004
Heute scheint eine kalte Sonne und bringt die Geleise der S-Bahn zum Glänzen. Das Intimpiercing hat sich leicht entzündet und juckt.
Dölf ruft an und hat eine Idee. Er will die Dampfgruppe Dietikon gründen. Ich glaube, es geht darum, einerseits auf Dampflokis umzurüsten und andererseits zum Isebähnle Frauen einzuladen. Eigentlich stehe ich schon mehr auf elektrisch. Mit Oberleitung. Und ich weiss nicht: Frauen an den Weichen?

Sonntag, 3. Advent 2004
Ich hatte recht. Der erste Steam-Bang-Abend mit der Dampfgruppe Dietikon war ein Reinfall. Es kam nur noch Hausi mit Mona. Dölf bestand darauf, dass wir ganz nackt am Trafo und an den Stellwerken stehen. Mona hat sich total gelangweilt und Hausi hat sich dann prompt noch an der Oberleitung bei Göschenen den Sack elektrisiert, also nur Schwachstrom, natürlich.

Montag, 22. Dez. 2004
Satan hat das Rollschinkli von ALDI angefressen. Beim Versuch, ihm einen Tritt zu geben, gegen die Backofentür getreten. Dass die Zehen ganz blau sind, hab ich erst gemerkt, als ich mit Tatjana das NORDIC PETTING machen wollte. Auch egal, das Vorspiel mit den Schistöcken ist sowieso eine schlechte Idee.

Dienstag, 23. Dezember 2004
Extrem schlecht geschlafen. Satan leckt mein Gesicht und weckt mich aus einem Traum mit Liesbeth Rohner. Gottseidank. Ich weiss nur noch, wie ich in der S-Bahn sitze und wie dann Lisbeth Rohner kommt. Sie trägt schwarze Reitstiefel, schaut mich an wie Bruno Ganz im Untergang und sagt: Kontrolle. Alle Intimpearcings vorweisen bitte. Ich versuche zu entkommen, aber ich bin wie gelähmt. Lisbeth öffnet meinen Gürtel. In der S-Bahn wird es still. Und dann sagt Lisbeth mit der Stimme von Willy: Chönnt ich na e Schtange ha?

24. Dezember, Heiligabend 2004
Nichts Besonderes. Ich versuche vergeblich mit einem Veloflick die Nicole-Kidman- Sexpuppe zu flicken, der Satan ein Loch in den Arsch gebissen hat. Nichts zu machen. Die Luft ist endgültig draussen. Komme mir vor wie Tom Cruise vor der Scheidung.

Mittwoch, 25. Dez. 2004
Die Lastwagenreifen heulen mit Satan im Chor. Der Himmel ist schon am Morgen so blau wie Lilian Lüthi am Nachmittag. Im Body&Soul zusammen mit Mona die Tür zur Marquis-de-Sade-Folterkammer schwarz angemalt und ein Lied von den Stones vor mich hin gesungen. Paint it Black. Mal’s schwarz...
Ich gsehn e roti Türe
und ich mal sie schwarz
Ich stahn am Rotliecht
und für mich wird’s nur na schwarz Ich gsehne d Lüüt sie
lueged all a miir verbii Ich glaub es isch bi mir als Baby scho so gsii
Und au min Himmel
dä wird sicher nie meh blau Min Hund heisst Satan,
er hät Auge wie-n-e Frau
Mir sind en Sunne-n-undergang
ohni A abigroot
Wänn er na eimal e Nacht lang kläfft, dänn schlaan ich ihn z tod.
Nananananananananananana-a...

Sonntag, 26.Dez. Stephanstag 2004
Um 11h mit Satan nach Spreitenbach gefahren. Heute ist „Beten und Lachen“ mit Pfarrhelfer Hodel.
Mitten beim Beten wird es ruhig und ich sehe, wie Satan unter der Kanzel Shakira, die Pekinesin von Frau Hurni vernascht. Frau Hurni wird total hysterisch und versucht, Shakira wegzuziehen. Aber Satan bleibt dran, die Beziehung ist stabil. Es entsteht ein Tumult. Jemand schreit: Maulkorb! Maulkorb! Ich schreie zurück: „In dem Fall nützt das nichts! They make love not war!“ Frau Hurni flippt immer mehr aus. Erst als ich ihr sage: „Nehmen Sie sich doch ein Beispiel an Shakira, vielleicht täte es Ihnen gut, wenn sie auch mal wieder was in die Richtung erleben würden!“, wird sie einen Moment still, und der Pfarrer sagt AMEN.

Sportpsychogramm 1: BOGENSCHIESSEN
2016
Tagesanzeiger

Bogenschützen sind Robin-Hood-Nostalgiker denen es im Leben an Spannung fehlt. Ewig junggebliebene Mittelalterfans, oder fehlgeleitete Zenbuddhisten, die Schwierigkeiten haben, den Bogen rauszukriegen, weil sie nicht wissen, dass das einzig wirklich Aufregende am New Age- Hit „Zen in der Kunst des Bogenschiessens“ die Tatsache ist, dass sein Autor, der Philosoph Eugen Herrigel ein überzeugter Nazi war. Zen in der Kunst des Langweilens. Nun ist diese spezifische, direkt in den Tiefschlaf führende Unterspannung, die man erleben kann, wenn man auf Youtube „Bogenschiessen“ eingibt und das Finale der Herren am Berlin Open 2010 zwischen Max Kupfer und Camilo Mayr verfolgt, keineswegs selbstverständlich. Bei Pfeil und Bogen handelt es sich immerhin um eine der ältesten Waffen, durch die der Mensch fähig wurde, auf Distanz zu töten. Damals, in der Jungsteinzeit, muss das eine spannende, weil sehr gefährliche Angelegenheit gewesen sein. Wie gefährlich, lässt sich in Staffel 6 / Folge 9 von Game of Thrones verfolgen, wo die Pfeilhagel des grausamen Ramsay Boulton die Reiterhorden von Jon Snow und Sansa Stark in Scharen dezimieren. Doch wenn Hobin Rood vom Bogen-Treff, der aussieht wie ein Wildling in seinem Tutorial-Video auf Schweineseiten schiesst, und mit den legalen Sportpfeilen nur knapp die Schwarte ritzt, spätestens dann befällt jeden richtigen Mann die ganz grosse Kastrationsangst und er erkennt zugleich: im doppelten S eines modernen Recurve-Bogen verbirgt sich die weibliche Ur-Kurve!

Sportpsychogramm 2: BOXEN
2016
Tagesanzeiger

Boxer sind dumm und sehr männlich. Es ist männlich, sich einer Sportart zu widmen, bei der es ausschliesslich um die Frage geht, wer zuerst so schlimm eins an die Birne bekommt, dass die Lichter ausgehen und ein paar tausend Hirnzellen einen Abgang machen. Boxer sind sehr dumm. Jetzt höre ich schon: Und Muhammad Ali!? Ich weiss: Muhammed Ali war die glamouröse Ausnahme. Parkinson ist zwar auch nicht ganz ohne, schlägt aber nicht auf die Intelligenz. Boxer heissen Muhammed Ali oder sie sind testosterongetriebene Dumpfbacken und Psychopathen, die ihren Gegnern die Ohren abbeissen. Oder sie heissen Klitschko und haben so lange Arme, dass die anderen ihnen schlicht nicht bis zur Birne reichen können. Das Smarteste an Wladimir Klitschko sind aber nicht seine Arme, sondern Hayden Panettiere. Entweder sind Boxer bereits sehr dumm, weil sie mit diesem destruktiven Scheisssport angefangen haben und werden dann noch sehr viel dümmer. Oder sie hatten vielleicht nur gerade einen dummen Tag, als sie sich fürs Boxen entschieden haben und sind dann erst richtig dumm geboxt worden. Oft trifft beides zu.
Boxer könnten natürlich mit Kopfschutz boxen, oder mit Regeln, die gefährliche Schläge verbieten, zum Beispiel alle Schläge gegen den Kopf, aber dann wäre Boxen noch dümmer. Es wäre völlig bescheuert, zuschauen zu müssen, wie zwei Boxer vergeblich versuchen, sich mit Schlägen gegen den Körper ko zu schlagen. Denn ohne ko ist Boxen irgendwie nicht ok, nicht so männlich.

Sportpsychogramm 3: FECHTEN
2016
Tagesanzeiger

Fechten ist weiss, steril, blutleer. Obwohl man ja unwillkürlich denkt, die sind weiss angezogen, damit man das Blut schön fliessen sieht. Aber was echtes Blut betrifft, geht Fechten Richtung Virtual Reality. Früher waren die Kämpfer verkabelt, heute funktioniert die Trefferanzeige kabellos. Auf jeden Fall sehen Fechter aus wie erfolglose Formel-1- Fahrer aus den 70er Jahren, die mit veralteten Waffen absurde Zweikämpfe austragen müssen, bei denen es ab und zu piepst. Damit ist eigentlich schon alles gesagt. Wer will schon piepsend siegen. Fechten war immer schon ein trauriger Beruf. Zuerst wurde man an vorderster Front abgeschlachtet und dann wegrationalisiert. Die Redensart fechten gehen, bedeutet: betteln gehen. Fechten ist etwas sehr überflüssiges, schon seit gut 700 Jahren, als leichtere Schusswaffen aufkamen und die arbeitslos gewordenen militärischen Fechtlehrer an die Haustüren klopften, um sich als Coaches für private Ehrenhändel anzubieten. Damit unterstützten sie eine höchst fragwürdige Sitte adeliger oder grossbürgerlicher Männer, die sich wegen irgendwelcher unwichtiger Frauengeschichten oder im Suff geäusserter Beleidigungen meist im blühenden Alter gegenseitig abstachen und dann auch noch eine Schar unmündiger Kleinkinder und eine alleinerziehende Mutter zurückliessen, die bei der ganzen Gebärerei nie eine Chance gehabt hatte, sich gegen die bescheuerte Freizeitbeschäftigung ihres Mannes zur Wehr zu setzen. Pieps.

Sportpsychogramm 4: TONTAUBENSCHIESSEN
2016
Tagesanzeiger

Sein Sport heisst auf englisch „olympic trap“. Der olympische Tontaubenschütze ist ein säkularer Trappist. Nur ganz wenige Menschen interessieren sich dafür. Im Vordergrund seines Charakters stehen deshalb Selbstverleugnung, Demut und Askese. Und wie die Reformbrüder aus dem Kloster „La Trappe“ („Die Fallgrube“), die für ihren Trappistenkäse berühmt geworden sind, hat er ein starkes Bewusstsein für die Notwendigkeit von Busse. Denn er weiss: im Grunde ist er ein anglophiler Simulant, hinter dessen Sportlichkeit sich ein dunkles grausames Geheimnis verbirgt. Schon der Begriff Tontaube ist irreführend und entlarvend zugleich. Er ist eine Falle, a trap. Denn diese Tontaube ist weder eine gehörlose Dame, die keine Töne wahrnehmen kann, (ein politisch unkorrekter Pleonasmus), noch, umgekehrt, ein Taubenvogel mit Ton, so wie es Tauben mit Turtel oder Tauben mit Friedens gibt, und auch nicht eine Lehmskulptur in Form einer Taube, sondern vielmehr eine Art Frisbee aus unglasierter Keramik, das eine – lebende! – Taube simuliert. „Trap shooting“ heisst der in England erfundene und in Mexiko und in Teilen der USA (!) immer noch legale „Sport“, bei dem die Tauben auf Kommando aus kleinen Boxen auf ihren letzten Flug geschickt werden, wobei, wie beim Stierkampf, dem Schicksal etwas nachgeholfen wird, indem man via Ausreissen von Federn, Brechen von Knöchelchen und Blenden von Augen sicherstellt, dass die Trefferchancen auch für mittelmässige Schützen intakt bleiben.

Sportpsychogramm 5: WASSERBALL
2016
Tagesanzeiger

Ich spreche hier von dem, was Menschen dazu treibt, gewisse Sportarten ausüben, also ab und zu auch von Fragmenten des Unbewussten, diesen Eisbergen auf dem Ozean unseres Bewusstseins. Ich muss deshalb hier die Frage klären, warum der internationale Wasserball bis in die 80er Jahre eine fast reine Männerdomäne war und warum es offenbar die Männer waren, die den Frauen den Zugang zu diesem Sport verwehrten.
Beim flüchtigen Blick auf die blauglitzernde Wasseroberfläche und die 14 farbigen Badekappen scheint Wasserball der fröhlichste fairste Sport der Welt zu sein, mehr eine total genderneutrale Rangelei unter Jugendlichen als ein simuliertes Krieg-Spiel, kein Fussball, wo es einst darum ging, den Schädel des besiegten Feindes ins Tor zu befördern. Aber über dem Wasser ist nicht unter dem Wasser. Dort verbirgt sich, was den Wasserballfrauen aus Sicht der Männer fehlt: Denn Männerwasserball ist ein Spiel für zwölf Spieler und 25 Bälle, einem grossen und 24 kleineren, vorausgesetzt es liegen keine testikulären Anomalien vor. Die entscheidende Regel beim Wasserball ist nämlich die, dass die Feldspieler den (grossen) Ball nur mit einer Hand halten dürfen. Die andere Hand beschäftigt sich – je nach Nähe des Schiedsrichters – damit, den Gegner mit einem gezielten Zwick in die Nüsse kurzzeitig ausser Gefecht zu setzen. Frauenwasserball ist ein schöner körperbetonter Sport. Wasserball für Männer ist ein sadomasochistisch angehauchtes Blue Balls Festival.

Sportpsychogramm 6: TURMSPRINGEN
2016
Tagesanzeiger

Zum Thema Turmspringen muss ich hier aunahmsweise ein persönliches Bekenntnis ablegen. Gewisse Menschen mögen angesichts eines zweieinhalbfachen Rückwärtssaltos mit dreieinhalb Schrauben, gehechtet, in Verzückung geraten. Bei mir löst allein schon der Vorgang, wie jemand in zehn Metern Höhe langsam bis zur vorderen Kante eines Sprungbretts schreitet und dort leicht wippend stehenbleibt, vielleicht sogar mit dem Rücken zum Abgrund, Herzrasen aus, dazu Benommenheit, Schwitzen, Kopfhautkribbeln sowie eine leichte Übelkeit. Für einmal bin ICH hier der Gestörte und die Sportler_innen Ausbünde mentaler Gesundheit. Ich bin zwar körperlich nicht ganz unbegabt. Ich bin schon mit einem Pferd über Hindernisse gesprungen, war mal ein mittelmässiger Volleyballspieler und wenn es sein muss, kann ich recht gut Eishockey spielen oder Rak-Rohr-Schiessen, was leider keine olympische Disziplin ist, aber das nur nebenbei. Ich glaube, ich könnte mich in fast jeder olympischen Sportart zumindest versuchen, aber ich könnte nie im Leben aus 10 Metern Höhe ins Wasser springen, auch nicht vom 5- oder vom 3-Meter-Brett, denn ich habe das, was offensichtlich allen Turmspringer_innen zu fehlen scheint: Höhenangst. Deshalb haben sie meinen allergrössten Respekt und meine uneingeschränkte Bewunderung. Meine persönliche Angsthöhe beginnt leicht unterhalb meiner halben Körpergrösse, bei etwa 90 Zentimetern, was sogar den Sprung vom 1-Meter-Brett zur olympischen Mutprobe werden lässt.

Sportpsychogramm 7: Golf
2016
Tagesanziger

Wenn ich Golf denke, sehe ich sofort an einen Businessman. Der Golf-Sportler kommt mir erst viel später in den Sinn. Golf heisst, dass man dunkle, oder jedenfalls sehr vertrauliche Geschäfte macht, nebenbei. Gangster und Betrüger spielen immer irgendwann Golf, vielleicht, weil das unschuldig leuchtende Weiss des Balls so schön mit ihren finsteren Plänen kontrastiert. Ich sehe Tony Soprano in New Jersey, ich sehe Donald Trump in seinem Golfresort in Schottland, wie er den Brexit begrüsst, weil er denkt, dass der ihm geschäftlich was bringt. Ich sehe: Es geht um Geld, Macht, etc. Und, eng damit zusammenhängend, um das Selbst. Das Selbst steht in einem anglophilen Landschaftsgarten mit weit geschwungenen grünen Hügeln und einem alten Baumbestand. Es muss mit möglichst wenig Schlägen einen kleinen Ball in ein weit entferntes kleines Loch befördern, ausgerüstet mit einer Ausrüstung im Wert eines VW Golf GTI, –  bestehend aus einem Bag mit 14 Schlägern, einem Holz, zwei Hybrids , sieben Eisen, drei Wedges und einem Putter, zb. einem Odyssey Highway 101 für CHF 549. Dazu hat das Selbst mindestens ein Buch gelesen mit den Kapiteln Eigenmotivation, Selbstdisziplin, Selbsterkenntnis, Selbstverantwortung, Selbstbestimmung,  Selbstvertrauen, Selbstvergessenheit, Selbstverwirklichung, Selbstachtung und dauerhafte Zufriedenheit. Diese Zufriedenheit als letzter Zustand vor dem Tod stellt sich aber erst auf dem Green ein, auf  dieser samtweichen glattrasierten Fläche ums Loch herum. 

Sportpsychogramm 8: Stabhochsprung
2016
Tagesanzeiger

Wenn ich an Stabhochsprung denke, kommt mir immer nur der eine Name in den Sinn: Bubka. Die Sprünge des Ukrainers Serhij Nasarowytsch Bubka begleiteten mich durch die ganzen 80er und 90er Jahre, er wurde sechsmal in Folge Weltmeister und stellte zwischen 1984 und 1994  14 Weltrekorde auf, wobei der letzte unfassbare 20 Jahre lang hielt, nicht zuletzt, deshalb weil 1998 wichtige Regeländerungen stattfanden, die das Erreichen der Rekordhöhen deutlich erschwerten. Initiiert wurden diese Regeländerungen unter anderen durch Bubka selbst. Stabhochsprung ist eine Sportart, die neben subtiler Technik auch sehr viel schlaue Taktik erfordert, ein Spiel mit der mentalen Macht, sozusagen das Pokerspiel der Leichtathletik. So ist es zum Beispiel sehr wichtig, wann man bei welcher Lattenhöhe in den Wettbewerb einsteigt, einerseits natürlich wegen der Ökonomie der Kräfte, aber auch um in einer Art von kaltem Nervenkrieg die anderen Athlet_innen zu demoralisieren. Aber mit der Anfangshöhe steigt auch das Risiko. Bubka, der später Abgeordneter in Janukowytschs Partei und Banker wurde und über ein Vermögen von 350 Millionen Dollar verfügen soll,  stieg immer erst bei 5.70 m ein, also 1 Zentimeter unter dem Schweizer Rekord. Gerade habe ich gelesen, dass Jelena Gadschijewna Issinbajewa, die Königin und Weltrekordhalterin des Frauen-Stabhochsprungs und jetzt für Rio gesperrt ist, als eine Vertraute Putins gilt und vor zwei Jahren sein Anti-Homosexuellen-Gesetze vehement öffentlich verteidigt hat.

Sportpsychogramm 9: Moderner Fünfkampf
2016
Tagesanzeiger

Lassen wir für einmal die Frauen aus dem Spiel. Der Moderne Fünfkampf hiess früher Militärischer Fünfkampf, er diente der Kriegsertüchtigung und modern war daran wenig. Er bestand aus den Disziplinen Reiten, Schiessen, Stechen, Plündern und Vergewaltigen. Also gut, das ist wirklich sehr lange her. Heute schwimmt der Fünfkämpfer 200 m, ficht mit dem Degen, durchreitet einen Hindernisparcours, läuft schliesslich dreimal 800 m und muss dazwischen mit der Laserpistole treffen. Alle Sportler quälen sich, aber der Fünfkämpfer – für Baron de Coubertin der ideale Athlet  –  ist der grosse Leidende der Olympischen Spiele. Er leidet, weil ihm niemand zuschaut, wie er leidet. Seine Qualen stehen in keinem Verhältnis zur Attraktivität seines Sports. Es ist, wie wenn einer aus dem Militär nach Hause kommt: Niemand will seine Geschichten hören. Er hat ja auch keine Höchstleistungen vorzuweisen, nach denen das rekordsüchtige Publikum giert. Er schwimmt so schnell wie Phelps nicht mit, sondern in 31 Jahren und schiesst wie Heidi Diethelm Gerber mit einer Flasche Gravensteiner intus. Er kämpft nicht nur um den Sieg sondern auch für die Erhaltung seines Sports, den man schon zweimal von der Olympialiste streichen wollte. Um die Spannung bis in die Schlussrunde zu retten, wurden die Punkte in Handicaps umgerechnet: wer im 800 m Lauf als Erster ins Ziel kommt, kriegt Gold. Vergeblich, das einzige, was bei diesem ehemaligen Armeesport noch gekillt wird, ist die Quote. 

Sportpsychogramm 10: Taekwondo
2016
Tagesanzeiger

Wer Taekwondo lernen will, muss lernen, Respekt zu haben. Respekt vor den Regeln des Taekwondo. Die Regeln sind sehr kompliziert, obwohl es im Wesentlichen darum geht, entweder mit der Hand oder mit dem Fuss einen Weg zu finden, den Gegner ausser Gefecht zu setzen. Respekt vor dem Trainer, denn der Trainer ist nicht einfach ein Trainer, sondern ein Lehrer, ein Meister, ein Sahbum-Nim. Der Lehrer ist allmächtig. Wenn ein Sahbum-Nim eine Anweisung gibt, darf niemand etwas dagegen sagen. Der Schüler darf nicht auf seinen Schatten treten. Er lernt vom Meister, der selbst immer weiter lernt, dass es beim Taekwondo um Geduld geht, um Höflichkeit und Selbstdisziplin. Ausserdem um die Anwendung der elementaren Gesetze der Physik, um die Wirkkraft von Geschwindigkeit und Masse. Er lernt, dass er nicht nur mit der Hand oder dem Fuss schlagen soll, sondern mit der Masse des gesamten Körpers, und dass es darum geht, diese Energie auf einer möglichst kleinen Fläche zu bündeln, etwa am Ellenbogen, am Kinn oder am unteren Fersen.  Er lernt, dass er die Kraft des Gegners für sich selber nutzen kann, um so die eigene Kraft zu vervielfachen. Dass er also, um einen Kampf zu gewinnen, Geschwindigkeit und Masse des Gegners für sich arbeiten lassen muss. Jeder Sport ist eine Metapher für das richtige Leben. Meist sind die Metaphern etwas billig – Gring abe u seckle –  und fast immer darwinistisch. Taekwondo ist eine Metapher für ein ganzes philosophisch-politisches System.